Nica Schuemie

Irgendein Tag in unserem gemeinsamen Leben…

k-Meditation_in_der_Gruppe_23_02_15

…mit meinen von Demenz betroffenen Schwiegereltern…
9:00 Uhr. Ich gehe zu meinen Schwiegereltern, um sie aufzuwecken und das Frühstück für sie zu machen.
Als um 10:00 Uhr die Fußpflegerin kommt, ist Piet zuerst dran.
Ich kümmere mich in der zwischen Zeit um Kati, die draußen im Garten ist. „Ist die Frau schon da?“, fragt sie mich. „Ja, sie hat schon mit Piet angefangen.“ Sie beginnt zu weinen, ich frage sanft nach, was sie bedrückt, „…schon gut…“, meint sie und wir gehen gemeinsam zurück ins Haus. Drinnen helfe ich ihr, sich frisch zu machen, um sich auch zu Piet ins Wohnzimmer zu setzen. Nach einer halben Stunde ist Kati mit der Fußpflege dran. Ich mache mit meinem Schwiegervater eine Runde ums Haus. Immer wieder sagt er, dass er sich nicht gut fühlt, wieder zurück ins Bett möchte, sodass ich ihn wieder ins Bett bringe.

Bis Kati mit der Fußpflege fertig ist, richte ich noch meine Praxis für den heutigen Meditationsabend her.

Als die Fußpflege zu Ende ist, leere ich noch das Fußwännchen aus und vereinbare einen weiteren Termin mit der Fußpflegerin, als Kati plötzlich rücklinks nach hinten kippt und zum Glück genau im Sofa landet. Zack einfach so. Ohne jegliche Vorankündigung. Sie selbst ist auch ganz erstaunt und schaut mit großen Augen zu mir auf. Ich bin sehr betroffen, gleichzeitig aber froh, dass nichts passiert ist und hole aus der Küche ein Glas Wasser für sie. Nach einiger Zeit möchte sie wieder in den Garten.

Gemeinsam machen wir uns auf, es scheint ihr wieder gut zu gehen. Als wir wieder im Haus sind, möchte sie beim Tisch noch ein bisschen Zeitung lesen. Ich ziehe mich wieder in meine Praxis zurück, die sich gleich neben der Wohnung meiner Schwiegereltern im gleichen Stockwerk befindet.

Immer wieder schaue ich bei Kati vorbei, ob wohl alles in Ordnung ist. Ja es ist alles gut, bis ich sie plötzlich nicht im Wohnzimmer, sondern wieder im Garten finde, wo sie auf einem Stuhl im Schatten sitzt. Ich atme auf und bin froh, sie dort zu sehen. Es ist kurz nach halb eins und ich beginne mit der Vorbereitung für das Mittagessen. Als ich ins Schlafzimmer gehe um Piet zum Essen zu holen ist Kati auch wieder zurück aus dem Garten. „Ich esse nix,“ ruft sie mir zu , als sie mich mit Piet ins Wohnzimmer kommen sieht. Heute reagiere ich ziemlich heftig auf diesen täglich von Kati gebrauchten Satz.

Ich bemerke, wie ich nervös werde, mir denke wie schwach und wackelig sie doch heute wieder ist, bemerke aber auch, wie mein Werteprogramm , was ich zu erfüllen hätte, um die perfekte Schwiegertochter und Ehefrau zu sein ins Wanken gerät. Oja… ich muss ja auch die Beste sein. Inzwischen ist die Suppe heiß.

In der Küche atme ich ein paar Mal tief ein und aus und erlaube mir meine Gefühle zu fühlen. Es darf so sein. Genau jetzt. Ein – und Ausatmen… Es geht wieder ein bisschen leichter. Ich fühle mich nicht mehr so angespannt. Dann serviere ich die Suppen zum Tisch. Ich stelle eine Suppe vor Piet, die andere vor Kati mit den Worten, dass die Suppe sie stärke. Beide essen. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Für Piet mache ich noch das halbe Hühnchen bereit, schneide es in Mund gerechte Stücke.

Auch er steht immer wieder vom Essen auf, möchte nur wieder zurück ins Bett. „Ich weiß nicht, warum ich mich nicht gut fühle“, ich frage nach, was er spürt, wo er es spürt, doch ich bekomme nur ein:“Ich weiß es nicht,“ zur Antwort. „Gehen wir noch eine kleine Runde ums Haus, in den Garten?“ frage ich ihn, damit er sich nicht gleich wieder ins Bett legt. Ich erinnere ihn noch daran, dass er mir früher immer wieder erzählte, dass der Körper Bewegung braucht, um sich gut zu fühlen. Er schmunzelt und gemeinsam machen wir uns wieder in den Garten auf. Wir umrunden das Haus und setzen uns auf die warmen Holzstiegen, die direkt in den Wintergarten führen. Schweigend sitzen wir nebeneinander. Jeder in seiner Welt und doch vereint. Nach einiger Zeit kehren wir wieder zurück ins Haus, ich bringe ihn noch ins Bett und decke ihn zu. Ich bin erleichtert. Er hat gegessen und ein paar Schritte ums Haus gemacht. Kati war auch draußen und hat auch gegessen… gepflegte Füße haben auch beide. Wow! Ich bin jetzt so richtig erleichtert.
Ich wende mich wieder Kati zu, die im Wohnzimmer sitzt. Es geht ihr so schlecht, meint sie. Ich habe auch das Gefühl, dass es ihr körperlich nicht so gut geht. „Magst du auch ein bisschen schlafen gehen?“ frage ich sie. „Ja,“ ich nehme sie bei der Hand und führe sie langsam ins Schlafzimmer, wo Piet sich die Decke bis fast über den Kopf gezogen hat. „Soll ich die Ärztin anrufen?“ Plötzlich wird Kati ganz munter und bestimmt: „Nein! Ich brauche keinen Arzt!“ „Was brauchst du dann, damit es dir besser geht,“ wieder frage ich nach. „Ich habe ja dich,“ sagt sie ganz klar und deutlich und lacht dabei. Hmmmmm… Ich helfe ihr beim Umkleiden, damit sie ihren Pyjama für den Mittagsschlaf anziehen kann.

Die Stimmung ist wieder ein bisschen lockerer. Wir lachen gemeinsam, sie drückt mich zu sich und sagt mir, wie lieb sie mich hat. Ja, ich hab sie auch lieb.

Nachdem auch sie im Bettchen ist, mach ich mich wieder auf in den oberen Stock – in unsere Wohnung. Ich bin müde, aber auch zufrieden… gönne mir ein bisschen Ruhe…