Nica Schuemie

Ein unentdeckter Schatz…

Amk-Übergänge_02_11_14 9. und 10. Oktober 2015 fand das 3. Kärntner Demenzforum im Casineum in Velden statt, zu dem ich eingeladen wurde, über meine Erfahrungen, Hilfestellungen und Möglichkeiten für das Leben mit an Demenz erkrankten Angehörigen zu referieren.
Wie die meisten von euch ja wissen, lebe ich gemeinsam mit meinem Mann und meinen Schwiegereltern, die beide von Demenz betroffen sind und rund um die Uhr Hilfe benötigen, unter einem Dach.
Ich bin so froh darüber, dass dem Thema „Demenz“ immer mehr Raum in der Öffentlichkeit geschenkt wird und finde es ganz toll, dass dieses Thema, das lange von betroffenen Angehörigen, wie auch der Gesellschaft tabuisiert wurde nun eine immer größere und produktive Aufklärung in der Gesellschaft erfährt.

Die Weisheit der alten Menschen, in ihrer ganz eigenen Form, tritt gerade in der Demenz in einer Klarheit zu Tage, wie es kaum vorstellbar ist. Sie leben genau das „Jetzt“, genau das, was es jetzt für sie zu leben gilt, ohne sich zu verstellen. Sie haben nicht mehr die Möglichkeit sich zusammen zu reißen oder die momentanen Gefühle, zu unterdrücken. Sie sind authentisch in ihren Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen. Auch, wenn es uns im Zuge des Miterlebens als nicht angebracht oder sogar absurd erscheinen mag, dieses Verhalten hat einen Grund, der oftmals in der Geschichte dieser Menschen liegt und durch Impulse in der Gegenwart wieder an die Oberfläche kommt.
Was die Situation aber oft für die Angehörigen so schwierig macht ist, dass dem alten Menschen dieser so wichtige Raum des Ausdrückens der eigenen Wünsche und Bedürfnisse, Gefühle, Ängste und Sorgen nicht gegeben wird.
Was geschieht, wenn der Widerstand der Angehörigen gegen das oft so wunderliche Verhalten des sehr alten Menschen fällt?

Das Leben wird leichter.
Der alte Mensch fühlt, dass das, was er zeigt in Ordnung ist – das wunderliche, aggressive oder abartige Verhalten verändert sich… warum, weil er sich nicht mehr wehren muss. Er wird gesehen und wertgeschätzt und nicht seines Seins beraubt.

Auch wir kennen solche Situationen, Widerstände, wenn zum Beispiel unsere Traurigkeit, Verärgerung oder Aggressivität wächst, wenn jemand uns zurechtweist, unser Verhalten, unsere Einstellung oder unsere Gedanken als nicht richtig abqualifiziert und jener überzeugt ist zu wissen, was das Beste für uns wäre.

Wir, als Angehörige muten den sehr alten Menschen vieles nicht mehr zu oder nehmen Dinge vorweg, die durchaus für den alten Menschen noch zu schaffen sind. Wir bevormunden ihn, übernehmen einfache Arbeiten, die für den sehr alten Menschen aber durchaus machbar und deren eigene Durchführung auch wichtig wäre, um sich gebraucht oder produktiv zu fühlen. Wir stellen uns aus Unwissenheit oder weil es einfacher ist oder schneller geht, in einer Art und Weise über diese Menschen, dass sogar in uns der Wunsch entsteht, nur nicht so alt zu werden, um so etwas ja nicht erleben zu müssen. Wie schade das doch ist.

Ich erlebe die Demenz meiner Schwiegereltern als Möglichkeit der Aufarbeitung der Erlebnisse aus deren Leben, die oft vor lauter Schmerz und Traurigkeit noch nie ausgedrückt werden konnten. Doch jetzt darf es sein. Sie haben einen geschützten Raum, ihre Gefühle auszudrücken. Zu weinen, zu schimpfen oder auch herzhaft zu lachen. Und was geschieht, ja die schmerzhaften Gefühle werden weniger, der Mensch wird ruhiger, einfach so, weil er gehört, gesehen und wertgeschätzt wird.

Aber ich erlebe die Situation mit meinen Schwiegereltern auch als Spiegel meiner selbst, als Spiegel in meinem eigenen Leben, der mir zeigt, wie meine unausgesprochenen Gedanken und Gefühle auf diese höchst sensitiven Menschen wirken. Wie sie meine Gefühle, meine innere Haltung in einer Klarheit wahrnehmen und mir auch sofort diese Gefühle, wie zum Beispiel getrieben, hektisch oder verärgert zu sein, aber auch die Gefühle der Zufriedenheit, der Wertschätzung, der Leichtigkeit und der Gelassenheit, wieder spiegeln.

Welch‘ immer mehr zu entdeckender Schatz….