Nica Schuemie

Berührende Momente

k-Berührende_08_10_15Ich nehme unsichere Schritte auf dem Kies vor unserem Haus wahr, werfe einen Blick aus dem Fenster und entdecke, wie  mein Schwiegervater langsam und mit kleinen Schritten über den Parkplatz vor unserem Haus geht. Mit unserer kleinen Hündin im Schlepptau mache ich mich sofort nach unten auf. „Spazierst du ums Haus, darf ich dich begleiten?“ frage ich ihn, als ich ganz nah bei ihm bin. Er schaut mir in die Augen, antwortet nicht. Ein paar Augenblicke vergehen, ich blicke in diese Augen, die etwas ausdrücken, das nicht in Worte zu fassen ist, mich aber tief in meinem Herzen berührt. Gemeinsam setzen wir den Weg in den Garten fort. Nach einigen Schritten, die uns zu einem Sessel im Garten führen, nimmt mein Schwiegervater Platz um eine Pause zu machen. „Ich bringe dir etwas zu trinken,“ sage ich zu ihm und mache mich auf ins Haus, um für ihn auch einen Hut  gegen die Hitze der Sonne zu holen.

Als ich so ums Haus herum gehe, entdecke ich meine Schwiegermutter, die am anderen Ende des Hauses ebenfalls vor sich hin schlendert. Ein strahlen huscht über ihr Gesicht, als sie Fay, unsere kleine Hündin wahrnimmt. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist nun auf dieses kleine Lebewesen gerichtet. Fay fordert meine Schwiegermutter zum Spielen auf, indem sie einen Ball vor ihre Füße legt. Sie bückt sich langsam, schafft es den Ball aufzuheben und wirft diesen dann in die Wiese – sie hat einen riesen Spaß dabei, als sie sieht wie Fay dem Ball nach sprintet und ihn ihr wieder zurück bringt.
Wie lebendig heute doch alles ist.
In der Zwischenzeit habe ich meinem Schwiegervater etwas zu trinken gebracht und ihm den Hut gegen die Sonne aufgesetzt. Heute spricht er fast gar nicht. Schaut in die Ferne. Ich nehme seine Impulse auf,  wenn er aufstehen möchte und so umrunden wir gemeinsam schweigend wieder ein Stückchen das Hauses. Die nächste Pause machen wir direkt beim Hauseingang, wo auch Stühle für die Spazier-Pausen hergerichtet sind.
Ich höre wie viel Spaß meine Schwiegermutter mit Fay hat. Sie lacht herzhaft und ruft immer wieder ihren Namen, spricht mit ihr als wäre sie ein Mensch.

Ich pendle nun zwischen den beiden alten Menschen hin und her, muss innerlich schmunzeln, da sich jeder in einer eigenen Ecke auf diesem Grundstück aufhält. Hin und her, hin und her bewege ich mich, um für mich sicher zu sein, dass es beiden wohl gut geht.
Nach einigen weiteren Hin und Hers frage ich meine Schwiegermutter, ob sie nicht auch eine kleine Pause vom Spielen mit Fay machen möchte, um sich mit mir zu ihrem Mann zu setzen, der ja gleich ums Eck sitzt. „Ja, das können wir machen!“ ruft sie erfreut. Gemeinsam gehen wir langsam zu meinem Schwiegervater. „Ach da bist du? Was machst du denn da? Ich dachte du schläfst!“ entgegnet sie Piet als sie ihn entdeckt. Wieder muss ich schmunzeln, hatte ich ihr in den letzten paar Minuten immer wieder erzählt, dass wir uns doch zu Piet setzen könnten.
Genauso ist das mit den verschiedenen Welten, denke ich mir…
Wir machen es uns zu dritt vor dem Haus gemütlich. Fay setzt sich zur Freude meiner Schwiegermutter genau unter ihren Sessel. Piet sitzt ganz ruhig da. Man möchte meinen, dass er ganz nach innen gekehrt ist. Er wirkt aber richtig entspannt. Die Gesichtszüge sind sanft und locker. Immer wieder fordere ich beide auf, ein paar Schluck vom Wasser, das auf dem kleinen Tischchen steht, zu trinken. Ein paar Schlucke trinken sie wohl, doch dann ist schnell wieder Schluss.

Wieder schnappe ich einen Impuls von Piet auf und gehe zu ihm, um ihm beim Aufstehen zu unterstützen. Er steht und schaut sich langsam um, bemerkt, dass seine Frau wieder den Ball für Fay ein kleines Stückchen geworfen hat. Ich habe Fay aber an der Leine,  sie kann den Ball nicht erreichen. Piet sieht die rote Leine zwischen meinen Fingern und nimmt sie mir ohne Worte ab. Gemeinsam gehen wir, Piet, Fay und ich auf den kleinen Ball, der am Boden liegt zu und als wir vor dem Ball stehen bückt er sich, hebt den Ball auf, schaut die kleine Hündin ganz sanft an und gibt mir den Ball lächelnd in die Hände.

Für mich ist dies alles wie ein Wunder, scheint es doch oft so, als wäre er in einer ganz anderen Welt und würde das Geschehen um sich herum gar nicht mehr wahrnehmen.

Wieder zurück auf unserem Platz vor dem Haus nehme ich wahr, wie beide friedlich zusammen sitzen. Ich gehe mit Fay noch eine Runde alleine ums Haus. Kurz bevor ich wieder die Stühle erreiche steht gerade mein Schwiegervater auf und sieht mich an. Fast gleichzeitig fordert ihn seine Frau mit ganz sanfter Stimme auf, doch zu ihr zu kommen. Sie breitet ihre Arme in seine Richtung aus, er wendet seinen Blick von mir ab und geht mit wackeligen Schritten auf seine Frau zu.

Ich ziehe mich ins Haus zurück, um diesen innigen und seltenen Moment nicht zu stören.
Alles ist möglich … dieser Satz ist für mich so wahr geworden in der Betreuung meiner von Demenz betroffenen Schwiegereltern…